Prüfungsstress und Zahnhygiene


In einer Vergleichsstudie lagern Medizinstudenten während der Examenszeit signifikant mehr Plaque an der oralen Seite der Zähne ab als ihre Kommilitonen ohne Examensstress. Ursache dürfte stressbedingt unzureichende Mundhygiene in den fraglichen Wochen sein. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Stress und marginaler Periodontitis als Folge vermehrter Plaque-Ablagerung an den Zähnen wurde in der Literatur mehrfach beschrieben. Dabei werden physiologische und immunologische Ursachen, z. B. veränderter Speichelfluss und veränderte Immunabwehr im Hinblick auf periodontal wirksame Mundbakterien, ebenso diskutiert wie Änderungen der gesundheitsbezogenen Verhaltensweise, z. B. mehr Rauchen und weniger Aufmerksamkeit bei der Mundhygiene. Zum Zusammenhang zwischen Mundhygiene und Stress liegen den Autoren nur zwei Studien vor, die jedoch wegen methodischer Fehler keine eindeutigen Aussagen zulassen. Die vorliegende Arbeit ist Teil einer größeren Studie zum Einfluss psychosozialer Anspannung auf die Plaque-Bildung, bei der u. a. Veränderungen des Immunglobulin A im Speichel sowie Interleukin-1b in Zahnfleischtaschen und Zahnfleischentzündungen gemessen werden. Testpersonen sind Medizinstudenten/-innen (16 Paare), davon jeweils eine(r) in der Examensphase und ein(e) Kommilitone/-in, der/die keinem Prüfungsstress ausgesetzt ist. Die Untersuchung findet während der Semesterferien statt; sie dauert insgesamt sechs Wochen und endet am letzten Examenstag. Die Zuordnung zu einem Paar erfolgt nach dem Plaque-Besatz vor Beginn der Studie und nach dem Geschlecht. Untersucht wird, wie weit sich die angespannte psychische Situation während der Examensvorbereitung auf die tägliche Mundhygiene der Testpersonen auswirkt. Diese Zielsetzung ist den Testpersonen nicht bekannt. Für eine einheitliche Ausgangsbasis erfolgt zu Beginn der Studie eine eingehende zahnärztliche Untersuchung mit professioneller Zahnreinigung, bei der Plaque-Reste im Gebiss vollständig entfernt werden. Vor Beginn der Studie beantworten die Testpersonen Multiple-choice Fragen zur Häufigkeit der Zahnreinigung (weniger als 1 mal pro Tag bis zu mehr als 3 malpro Tag). Am Ende der Studie werden evtl. Änderungen zur Häufigkeit und zur Intensität der Zahnreinigung während der Untersuchungsperiode erfragt. Es folgt die eingehende Untersuchung aller Zähne, wobei der Plaque-Besatz nach Anfärbung jeweils getrennt nach oraler und vestibulärer Seite des Zahns gemessen wird (Methode nach Quigley und Hein, 1962). Der Plaque-Besatz der Zähne liegt in der Kontrollgruppe bei ca. 80, in der Examensgruppe bei ca. 90% der Zahnoberfläche. Die Differenz ist hochsignifikant und wird noch deutlicher bei Betrachtung der oralen Seite der Zähne: Nur 5% der oralen Zahnoberfläche der Examensstudenten sind plaque-frei; in der Kontrollgruppe sind die Plaque-Flächen gleichermaßen auf die orale und vestibuläre Zahnseite verteilt. Die Ergebnisse bestätigen die Antworten der Fragebogenaktion: Die Examensstudenten geben an, während der zurückliegenden Wochen die Zähne genau so häufig geputzt zu haben wie außerhalb der Examenszeit, aber weniger intensiv. Da die orale Zahnseite schwieriger zu reinigen ist als die vestibuläre, erklärt sich daraus auch der weitaus höhere Plaque-Besatz. Stress-induzierte immunologische Veränderungen am Speichel, die ebenfalls mit vermehrtem Plaque-Besatz in Verbindung gebracht werden, können den unterschiedlichen Besatz der beiden Zahnseiten nicht erklären. Nach Einschätzung der Autoren belegt die Studie den Zusammenhang zwischen Stress-induzierter Vernachlässigung der Mundhygiene und der in der Literatur vielfach beschriebenen Stress-Periodontitis. Möglicherweise könnte ein hoher Plaque-Besatz auf der oralen und ein geringer bis mäßiger auf der vestibulären Zahnseite auch als Indikator für mangelhafte Zahnhygiene herangezogen werden. Deinzer, R.1, D. Hilpert2, K. Bach3, M. Schawacht3, A. Herforth3 (Institut für Medizinische Psychologie, Universität, Düsseldorf, Deutschland; 2. Abteilung für Maxillofaziale Chirurgie, Universität Düsseldorf, Deutschland; Abteilung für Periodontologie, Universität Düsseldorf, Deutschland): Effects of academic stress on oral hygiene – a potential link between stress and plaque-associated disease?; Journal of Clinical Periodontology 28 (2001) pp. 459-464. (Zitiert nach IME 4-9945)