|
Naturpräparate
sind "gesund" und
können "nur nützen, aber nicht
schaden", während die "chemischen
Keulen" aus der Apotheke oft mit
schweren Nebenwirkungen behaftet sind. Diesem verbreiteten
Irrglauben traten Ende Oktober 2001 in Las Vegas Experten auf der
amerikanischen Jahrestagung der Gastroenterologen entgegen.

Sie stellten Fälle schwerer Vergiftungen vor. Ärzte des
Brooklyn Hospital Center in New York berichteten von einer 40-jährigen
Frau, die mit Lebervergiftung in die Klinik gekommen war. Ursache
war chinesischer Reistee, den die Frau längere Zeit regelmäßig
getrunken hatte.
Arzneimittel der Naturheilkunde und Alternativmedizin werden oft
zusätzlich zu den konventionellen Medikamenten genommen, sozusagen
nach dem Motto: Doppelt hält besser. Die Ärzte erfahren
meist nichts davon.
Eine aktuelle Studie am Beth Israel Deaconess Center
in Boston nennt die Gründe: Die Patienten verschweigen die
Einnahme alternativer Mittel, weil dies für den Arzt
nicht relevant sei (61 Prozent), weil er
nicht danach fragt (60 Prozent), weil er
nichts davon versteht (31 Prozent) oder
nicht einverstanden wäre (14 Prozent).
In Chicago wurde eine 45-jährige Patientin mit akutem Leberversagen
eingeliefert. Erst zögernd gab sie zu, dass sie mehrere Monate
lang rund 30 verschiedene Kräuterpräparate eingenommen
hatte. Die Frau konnte durch eine Lebertransplantation gerettet
werden.
Dr. Prem Misra vom Wyckoff Heights Medical Center, New York, berichtete
von einem Patienten mit Bleivergiftung. Wie sich herausstellte,
stammte das Schwermetall (immerhin 3 Gramm!) aus Kräutertees
und Kräutertabletten.

"Wir müssen die große Popularität der alternativen
Medizin berücksichtigen, wenn Patienten mit unerklärlichen
Symptomen kommen." Alternativ-Präparate können die Wirkung
herkömmlicher Medikamente empfindlich beeinträchtigen.
Dies wurde am Beispiel von Johanniskraut, einem bewährten Antidepressivum,
in Studien eindrucksvoll belegt: Bei Herzpatienten, die Digoxin
nehmen, sinkt die Konzentration dieses Wirkstoffs um 25 Prozent,
wenn er mit Johanniskraut kombiniert wird. Bei Patienten mit Spenderherzen
bewirkte das Kraut eine gefährliche Verringerung der Konzentration
von Ciclosporin, einer Substanz, die Abstoßungsreaktionen
unterdrückt. Nach einer Studie der University of Chicago nehmen
30 Prozent der Patienten noch kurz vor der Operation ohne Wissen
des Arztes alternative Mittel oder Vitaminzusätze, obwohl eigentlich
Abstinenz nötig wäre.
Ein weiteres Beispiel: Ginseng senkt den Blutzuckerspiegel, erhöht
das Blutungsrisiko und beeinträchtigt die Wirkung von Warfarin,
das der Blutverklumpung vorbeugt. Sieben Tage vor der Operation
sollte der Patient kein Ginseng mehr nehmen.
|